Archiv Kultur und Soziale Bewegung

Kulturelles Kapital

Hamburg, September 2007

Das Archiv zu Gast beim Autonomen Trimester der Hochschule für Bildende Künste, 21.-25. September 2007

 

An vielen Hochschulen und Universitäten sind 2007 Studiengebühren eingeführt worden. Ein von studentischer Seite initiierter bundesweiter Gebührenboykott scheiterte an zu geringer Beteiligung. Die Hochschule für bildende Künste in Hamburg hat jedoch das Quorum erreicht und hält trotz der Exmatrikulation von 265 Teilnehmenden am Boykott fest. Viel beachtet, wird diese Geschichte der „wahrhaft Mutigen“ (so ein Plakat der Fachschaftsrätekonferenz der UHH) massenhaft repliziert. Dieser Eindruck von unbeirrbar revoltierenden Ungehorsamen hielt sich ungebrochen, während erst nach dem erfolgreichen Quorum die Notwendigkeit bestand, eine sinngemäß widerständige/ widerstehende Position auszubauen. Gleichzeitig begannen Repressionen, die Exmatrikulation der Zahlungsunwilligen drohte und der Druck – von außen wie innen – stieg.

Der Widerstand wurde über die Semesterferien mit der Ausrufung des „Autonomen Trimesters“ vom 19.9.- 30.9.07 fortgesetzt. Auch das Archiv diskutierte über die Auswirkungen des Boykotts und beschloss, die boykottierenden StudentInnen zu unterstützen.

Mit dem Angebot, unser Archiv an der HfbK während des Trimesters aufzubauen und mindestens zwei Veranstaltungen zu machen, sind wir an die OrganisatorInnen des Trimesters herangetreten. Der Charakter des Archiveinsatzes sollte klar unterstützend sein, war aber auch stark geprägt von unserem Eigeninteresse, mehr zu erfahren über die derzeitige Situation vor Ort. Interessiert haben uns die Fragen: Wie kam die Hfbk eigentlich dorthin, dass sie es sich „leisten“ kann, die Hälfte ihrer StudentInnen raus zuschmeißen? Wie war der lange Marsch der Institution? Welche Widerstandsformen gab und gibt es gegen diese Normierungstendenzen?

Neben den beiden Archivanwendungen, stand während des gesamten Einsatzes vom 21.- 25.9.07 eine Auswahl von Archivmaterialien und unsere Plots in der Galerie der HfbK zur Verfügung. Die Idee war, mit unserem Material und Wissen einen unabhängigen Ort an der HfbK zu installieren, an dem diskutiert, gestritten und gestöbert werden kann. So haben – außer den beiden von uns initiierten – diverse andere Veranstaltungen im Archivraum stattgefunden: ein Talentworkshop von Julia Bonn, ein Vortrag von Michel Chevalier über die „Biennale de Paris“, sowie zwei Vorträge von Jens Kastner und Sitzungen der Studierenden. Das Archiv wurde so zu einem intensiv genutzten Ort der Debatte.

Anwendung 08
Die lange Normierung der HfbK

21. September: 19 Uhr
mit: Olli Gemballa, Karin Haenlein, Sabine Mohr, Helene von Oldenburg, Günter Westphal

Für diese Anwendung wählten wir die Methode der „befragenden Diskussionsstiftung“. Unter der Annahme, dass Studiengebühren nicht vom Himmel fallen, wollten wir Veränderungen anhand der Studienbedingungen an der HfbK anschaulich machen. Diese historische Rekonstruktion von Strukturen der HfbK und ihrer Einbettung in den jeweiligen gesellschaftlichen Kontext diente der Erarbeitung eines widerständigen Kulturbegriffes an der HfbK. Ziel der Diskussion war es, den Blick auf die derzeitige Situation zu richten und darauf aufbauend Ausblicke zu ermöglichen. Dazu haben wir StudentInnen aus vier Jahrzehnten HfbK zu einer Gesprächsrunde eingeladen und diese mit folgenden Leitfragen strukturiert: Was war deine Motivation, an der HfbK zu studieren? Wie waren die Rahmenbedingungen (Aufnahmeprüfung, Studienordnung)? Wie haben sich die HfbK und die Studierenden in gesellschaftliche Prozesse eingebracht?

Die Diskussion verlief anregend und informativ ohne dabei ins Nostalgische zu kippen. Einerseits wurden prägnante Wendepunkte einer zunehmenden Institutionalisierung und Kontrolle/ Rationalisierung des Studiums deutlich. Andererseits gab es auch immer gegenläufige Tendenzen und Strategien, dem entgegen zu wirken, wie zum Beispiel die Öffnung der Hochschule in den Jahren nach 1968 oder die Schaffung autonomer Räume und Strukturen in den 1980er Jahren. Dadurch, dass das Erzählte auf einem Zeitstrahl festgehalten wurde, ergab sich nachher ein komplexes Bild der Entwicklung der HfbK. Entgegen vorheriger Befürchtung, dass dieses Aufzeigen vielleicht zu „pädagogisierend“ wirken könnte, hat sich die Visualisierung bewährt. Viele TeilnehmerInnen nahmen – im wahrsten Sinne des Wortes – den Stift in die Hand. Die daraus entstandene, gemeinsame Karte lieferte an diesem Abend (wie an folgenden) Möglichkeiten zur Diskussion von Fakten und Alternativen.

Anwendung 09
Von der Akademie zur Kunsthochschule: der Streit um Kunstbegriffe der russischen Avantgarde

22. September: 16 Uhr
mit: Rahel Puffert

In ihrem Beitrag definierte Rahel Puffert die Kunsthochschule als eine Errungenschaft, die auf geschichtlichen Füssen steht. Der Blick auf die Avantgarde-Debatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Russland zeigt, wie eng der Streit um Kunstbegriffe mit der Schaffung von institutionellen Bedingungen verknüpft ist. Das historische Beispiel für die Verknüpfung der politischen Handlung mit der künstlerischen Arbeit erfuhr in der anschließenden Diskussion eine Aktualisierung. Das Gespräch wurde rasch zu einer Auseinandersetzung über die eigene Lage an der Hfbk. Vorher subtil verhandelte Meinungsverschiedenheiten wurden insofern transparent gemacht, als dass die Studierenden die Gründe für ihre unterschiedlichen Herangehensweisen an den Boykott und die Proteste benannten. Dabei spielten sowohl unterschiedliche theoretische Bezüge, unterschiedliche Erfahrungen mit politischer Arbeit, als auch unterschiedlich lange Studienzeiten – die vor oder hinter den DiskutantInnen lagen – eine Rolle. Die Frage, welche Rolle KünstlerInnen in der Gesellschaft haben (sollen), wurde unter den Teilnehmenden ebenfalls sehr kontrovers diskutiert.