Archiv Kultur und Soziale Bewegung

Kulturelles Kapital

Hannover, September 2005

Das Archiv zu Gast bei „Wir können auch anders!“, Kulturzentrum Pavillon, 2.-10. September 2005

Wie kann eine »andere« Gesellschaft und Wirtschaft aussehen, die sozial gerecht, solidarisch, freiheitlich und demokratisch ist?

Um sich dieser Frage aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Perspektiven und Arbeitsfeldern zu widmen, hatten Sybille Weingart und Susanne Müller-Jantsch vom Kulturzentrum Pavillon in Hannover eine Projektwoche mit dem Titel “Wir können auch anders! Visionen und Modelle für eine künftige Gesellschaft” für den 2. bis 10. September 2005 anberaumt.

Gemeinsam mit “Menschen, die in unabhängigen politischen, sozialen und soziokulturellen Netzwerken aktiv sind” arbeiteten sie im Vorfeld an der inhaltlichen Ausrichtung des Programms. Es entstand ein vielschichtiges einwöchiges Veranstaltungsangebot, mit dem versucht wurde, die geteilte Unzufriedenheit mit dem gesellschaftlichen Ist-Zustand produktiv zu wenden und an Alternativen zu arbeiten. Analysen und Diskussionen zur sozialen und wirtschaftlichen Situation unter dem Zeichen des Neoliberalismus standen Berichterstattungen zur politischen Situation in Venezuela oder Camerun zur Seite. Exkursionen, Filmvorführungen und eine Podiumsdiskussion informierten über alternative Lebens- und Tauschgemeinschaften oder Schulmodelle. Im Rahmen von Poster- und Comicworkshops waren Jugendliche zur ästhetisch-praktischen Umsetzung ihrer politischen Utopien aufgefordert, wodurch der Pavillon im Laufe der Woche sein Gesicht veränderte. Im Rahmen von Vorträgen wurde mal theoretisch mal literarisch, die Frage nach der aktuellen Brauchbarkeit von kommunistischen und partizipatorischen Denk- und Wirtschaftmodellen aufgegriffen und diskutiert.
Das »Archiv Kultur & Soziale Bewegung« verstand sich in diesem Kontext als Hinweis auf bereits vorhandene und erprobte Antworten und Praxen sowie als Aufforderung, sich von der Fülle an Material, die die Geschichte und Gegenwart zur Verfügung stellt, anregen und korrigieren zu lassen oder sich über bestimmte diskursive Auseinandersetzungen in Theorie, Kunstproduktion, politischer Praxis, etc. zu informieren.

Ausserdem war es als Raum ebenso Treff- und Vernetzungspunkt im Rahmen des Gesamtprojekts. D. h. WorkshopleiterInnen und Vortragende oder Teilnehmende waren eingeladen, sich am Abend im Archiv untereinander über den Tagesverlauf auszutauschen oder informell ins Gespräch zu kommen. Da wir für Hannover keine »Anwendungen« geplant hatten, kam hier die individuelle Nutzung der BesucherInnen – stöbern, sich im Raum aufhalten und Interessantes entdecken oder spontan ins Gespräch kommen – stärker zum Zuge als in Erfurt. Bald stellten wir aber fest, dass die »Anwendungen« ein unverzichtbarer Teil des Archivs sind, zumal wir aufgrund einer etwas abgelegenen Raumlage im zweiten Stock des Pavillons mit “Laufpublikum” nicht rechnen konnten. So entschieden wir, aus dem Material eine Spontananwendung anzubieten.

Anwendung 06
Massen, Medien, Alternativen

08. September: ab 16 Uhr
mit: Stefanie Lohaus, Rahel Puffert

Die Idee für die Zusammenstellung von Filmsequenzen zum Thema „Massen, Medien, Alternativen“ entstand spontan in Hannover beim Durchsehen des im Archiv befindlichen Videomaterials. Das erste, in Ausschnitten gezeigte Video „Manufacturing Consent: Noam Chomsky and the Media“ ist ein Portrait des Theoretikers und Aktivisten Noam Chomskys, mit starkem Fokus auf dessen kritische Analyse der Funktionsweise von Massenmedien. Vor diesem theoretischen Hintergrund wurden zwei Möglichkeiten, alternativ Medien zu machen, vorgestellt: In „The Case against Lincoln Center“, produziert vom Non-Profit Video-Produktions- und Distributionscenter Newsreel, ist die Gentrifizierung von Stadtteilen und Vertreibung ärmerer Bevölkerungsteile in New York Thema; „Zones de Convergence“ des Künstlers und Aktivisten Cicero Egli behandelt die Ereignisse anlässlich des G8 Gipfels in Genf 2003.

„The Case against Lincoln Center“ aus dem Jahr 1968, beschreibt die Vertreibung von 20.000 Latino Familien aus der New Yorker Upper West Side zugunsten der Errichtung eines neuen Areals klassischer Hochkultur, welches die Metropolitan Opera und die New Yorker Symphonie beheimatet. Der Film zeigt die Befürworter des Baus, Personen des öffentlichen Lebens der oberen Schichten und stellt sie in Gegenüberstellung mit der lebendigen Straßenkultur der Latinos bloß. Rückblickend betrachtet kann das Dargestellte als Vorhersage des in Manhattans Upper West Side stattgefundenen Gentrifizierungsprozesses gesehen werden.
Im Mittelpunkt von „Zones des Convergence“ steht das in einem unabhängigen Genfer Kulturzentrum stattfindende Kolloquium SoIA, (Summit of Interventionist Art) dessen Teilnehmer unfreiwillig zu Opfern von Polizeigewalt werden, als das Zentrum plötzlich gestürmt wird. Es wird deutlich, dass die Polizisten (zumindest anfänglich) aufgrund der ebenfalls dort untergebrachten Indymediareporter, die durch einen Livestream mit der Außenwelt verbunden sind, stark verunsichert werden. Der Film agiert auf zwei Ebenen: durch die starke Kontrastierung zwischen Innen (Diskussionen zwischen den Kolloquiumsteilnehmern) und Außen (Ausnahmesituation auf den Genfer Straßen, zerstörte Gebäude, Tränengaseinsätze, übermächtige Polizeipräsenz) ist er wichtige Dokumentation der Geschehnisse; die Darstellung der Situation nach der Stürmung des Gebäudes zeigt auf, wie alternative Medien nicht nur alternativ informieren, sondern insbesondere in Kombination mit Liveübertragung gleichzeitig als temporärer Schutz für Aktivisten und Betroffene dienen können. Die abschließende Diskussion erörterte schließlich Möglichkeiten und Grenzen alternativen Medien und neuerer Technologien für alternative Berichterstattung.

Manufacturing Consent: Noam Chomsky and the Media

Newsreel: The Case against Lincoln Center

Cicero Egli: Zones de Convergence