Archiv Kultur und Soziale Bewegung

Kulturelles Kapital

Berlin, Februar 2006

Das Archiv zu Gast bei „frei-räume[n]!“, Initiative Zukunft Bethanien, 25.-26. Februar 2006

Zeitgenössische Kunst und demokratische Kultur – ein Widerspruch?

Die Zukunft des Bethanien in Berlin-Kreuzberg ist einmal wieder Gegenstand kulturpolitischer Auseinandersetzung. Bereits in den frühen 70er Jahren entbrannte hier ein Kampf um den Erhalt des ehemaligen Krankenhauses - zahlreiche kulturelle und soziale Initiativen sind seither in dem Gebäude angesiedelt. 35 Jahre später, im Jahr 2002, entscheidet sich die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg für einen Verkauf des Bethanien an einen Privatinvestor. Laut Presse (siehe Hintergrund: Bethanien) will dieser das Profil des Bethanien als internationalen Kunststandort schärfen.

Im Sommer 2005 besetzt eine Gruppe ehemaliger BewohnerInnen und UnterstützerInnen des kurz zuvor geräumten Hausprojektes Yorck59 zwei Etagen des Bethanien. Eine Initiative Zukunft Bethanien (IZB) gründet sich. Durch ein Bürgerbegehren kann sie die Privatisierungsabsichten zunächst einmal auf Eis legen und die Diskussion über eine sinnvolle Nutzung der Räume, die die Interessen und Bedürfnisse der Kiezbewohner einbezieht, entfachen. Der Vorschlag der IZB besteht darin, ein „offenes soziales, kulturelles, künstlerisches und politische Zentrum von unten unter Beteiligung insbesondere auch der AnwohnerInnen zu schaffen“ (vgl. Webseite der IZB).

Laut Aussage der IZB steht einer Koexistenz dieses Zentrums und der anderen in dem weiträumigen Gebäudekomplex angesiedelten Initiativen und Kultureinrichtungen nichts entgegen (u.a. Künstlerhaus Bethanien, Kunstraum Kreuzberg, Druckwerkstatt des Kulturwerks des BBK Berlin, Musikschule Kreuzberg). Das sehen einige der benachbarten Kunstinstitutionen offensichtlich anders: Wie von Seiten des Leiters des Künstlerhaus Bethanien Christoph Tannert vernehmbar wurde (und nach wie vor wird, siehe Interview aus der art vom November 2006), sieht er das Renommee des Künstlerhaus durch die Vorstellungen der IZB bedroht. Seine Pläne für eine weitere Profilierung des Bethanien als Standort der internationalen zeitgenössischen Kunst scheinen mit dem Anspruch der IZB auf lokale Kulturproduktion und -rezeption unvereinbar zu sein. Der Position Tannerts schließen sich zahlreiche VertreterInnen der deutschen Kunstszene an, indem sie ihre Unterschrift unter eine Petition des Künstlerhaus setzten (siehe Petition und Liste der UnterzeichnerInnen anbei).

Die Fronten sind verhärtet – lokale Relevanz und internationale Strahlkraft scheinen sich im Bethanien auszuschließen, nutzerorientierte Soziokultur und avancierte Kunstproduktion werden als unvereinbar postuliert. Ob zeitgenössische Kunst und ein demokratisches Kulturverständnis zwangsläufig in Widerspruch geraten müssen, und welche Rolle die Kultur bei politischen und ökonomischen Interessenskämpfen spielt, ist Thema der Veranstaltung frei-räume[n]!, zu der das Archiv von der IZB als Gast-Veranstalter eingeladen wurde.

Materialien zum download:

Anwendung 07
Filmprogramm und Diskussion

Mit einem Filmprogramm und in Diskussionen mit Gästen möchte das Archiv die Problematik im Bethanien kontextualisieren. In drei historischen Beispielen aus den 1960er Jahren und zwei zeitgenössischen Dokumentationen werden Spielarten des Kampfes um die „richtige“ oder „legitime“ Kultur aufgezeigt, in dem sich meist zwei Fraktionen und ihre jeweiligen Visionen gegenüber stehen:
Ein Besitzbürgertum, das sich einerseits als wohltätiger und desinteressierter Beschützer einer angeblich autonomen (jedoch wesentlich marktbestimmten) Sphäre des Ästhetischen profiliert, anderseits als Wachhund einspringt, wenn es darum geht, „internationale Repräsentanz“, „Wettbewerbsfähigkeit“, „Standortqualitäten“, „das Junge und Zeitgemäße“ vor sozialen Gruppen zu schützen, die sich auf ihren demokratischen Anspruch berufen (und dadurch das Monopol des Besitzbürgertums auf die Gestaltung der öffentlichen Sphäre gefährden).
Eine Fraktion der „Nicht-Besitzer“, die versucht, Werte der Selbstbestimmung und der Ermächtigung für alle zu fördern, die (mehr oder weniger erfolgreich) Alternativen zum Mainstream und zur kommerziellen Kultur entwickelt, die anstatt „kulturlos“ zu sein sich sehr wohl auf Geschichte beruft und die für die Erweiterung von Kultur- und Kunstbegriffen steht – im Rahmen von Transparenz, Dialog und Inklusion.
Die Filme zeigen Spielarten auf, wie in unterschiedlichen historischen Gegebenheiten wirtschaftliche und politische Akteure ihre Vision der Stadtpolitik auf Kosten von unangepassten/ prekären/ zugewanderten Sozialgruppen durchzusetzen versuchen. Und sie vermitteln, dass die dadurch entstehenden Konflikte auch als Kampf zwischen „legitimer“ und „unlegitimer“ Kultur ausgetragen werden.

Programm

25. Februar ab 17 Uhr: Newsreel 1

The Case Against Lincoln Center (15 min, s/w, 1968)

Garbage (10 min, s/w, 1968)

Diskussion

25. Februar ab 19 Uhr: Rhino und La Générale

Rhino in Genf (15 min, Farbe, 2006)

La Générale in Paris (15 min, Farbe, 2006)

anschließend Diskussion mit den FilmemacherInnen und BewohnerInnen: Cicero Egli, Murièle Begert (Genf), Jérôme Guigue, Pierre Limpens (Paris)

26. Februar ab 11 Uhr: Newsreel 2

People´s Park (35 min, s/w, 1969)

Dazu das mobile Archiv: Poster und Boxen mit relevanten Büchern, Kopien und Tondokumenten.

Zu den Filmen des Kollektivs Newsreel

Die beiden Filme The Case Against Lincoln Center und Garbage (beide 1968) beschäftigen sich mit der Stadterneuerung, die seit Mitte der 1950er Jahre in der New Yorker Upper West Side umgesetzt wurde. Der Bau des Lincoln Center, eines großen Kulturzentrums, war den Stadtplanern eine willkommene Gelegenheit, um arme und zugewanderte BewohnerInnen aus dem Stadtzentrum zu vertreiben und gleichzeitig das kulturelle Image der Stadt aufzupolieren. Das Lincoln Center wurde in drei Stufen fertig gestellt: Die Avery Fisher Hall (1962), das New York State Theater (1964) und die Metropolitan Opera (1966) (für weitere Informationen siehe NYC Architecture).

The Case Against Lincoln Center kontrastiert die durch den Bau zerstörte spontane Straßenkultur der Immigranten mit dem erdrückenden modernistischen Klassizismus des neu errichteten Lincoln Center. Ein Voice-Over diskutiert die Problematik von Stadterneuerung und Ausschluss. Die Geldgeber dieser „Ernv Reaktion darauf sowohl materiell als auch symbolisch: AnwohnerInnen beanspruchen ein Stück des Lands, auf dem zuvor Wohnhäuser mit Sozialwohnungen standen und bauen dort einen Park.
Der Film dokumentiert die Repression und die Zerstörung des Parks durch die Polizei und die Armee sowie die darauf folgenden Massendemonstrationen.

Mehr zu Roz Payne und zur Gruppe Newsreel unter http://www.newsreel.us/

Zu den aktuellen Filmen: Rhino und La Générale

Gleich zwei Dokumentationen über aktuelle Besetzungsinitiativen an der Schnittstelle von Kunst und Politik konnten am Abend im Bethanien Premiere feiern: Das Squat Rhino in Genf informierte über seinen sozialen und historischen Hintergrund, das Künstlerhaus La Générale zeigte aktuelle Aktionen und Performances. Während Rhino auf einem explizit politischen Hintergrund künstlerisch agiert, politisieren sich die Künstler in La Générale in Reaktion auf ihrer gegenwärtige legale Situation in einem besetzten Haus. Wir danken nochmals herzlich den FilmemacherInnen Cicero Egli, Sophia Bulliard und Murièle Begert (http://www.rhino.la) sowie Jérôme Guigue und Pierre Limpens (http://www.lagenerale.org).